Ihr Lieben, hier wird bald dicht gemaccht. Danke für eure Treue und vielleicht liest man sich ja bald irgendwo wieder. Grüßle euer Blümchen Ela

Donnerstag, 16. November 2017

Leseproben-Zeit beim Sonnenblümchen mit Katharina Münz







Damit ihr noch eine tolle weitere Bücher von Katharina Münz findet, hat sie mir noch eine Leseprobe zukommen lassen. Viel Spaß auch damit!

 

Aus der Zeit gefallen - Thórsteinn vs. Charlotte: Teil 2

 

Inhalt: Spritzig, leidenschaftlich, aus der Zeit gefallen



Ein Torso. So unvollständig fühlt sich Charlotte knapp zwei Jahre, nachdem ein lecker aussehender Fremder in A+-Gewandung ihr vors Auto und ins Leben gestürzt war. Denn noch ehe sie realisieren konnte, mit wem sie sich Hals über Kopf in ein prickelndes Abenteuer eingelassen hatte, war Thórsteinn, der aus der Zeit gefallene Wikinger, auch schon verschwunden. Findet sie jemanden, der das Loch in ihrem Herzen heilt, oder gibt es etwa die unwahrscheinliche Chance auf ein Wiedersehen?



Mit »Aus der Zeit gefallen« wagt die ›Edition Wikinger im Herzen‹ einen Genreausflug in Richtung New Adult/Urban Fantasy/Contemporary Romance-Mix.



Achtung! Bei diesem Taschenbuch handelt es sich um den zweiten Teil der Aus-der-Zeit-gefallen-Reihe, der nicht ohne Vorkenntnis des 1. Teilslesbar ist. Außerdem gibt es wieder ein Cliffhanger-Ende!

 


Wer »Aus der Zeit gefallen«
komplett lesen möchte, möge bitte die vollständige Veröffentlichung in ein paar Monaten abwarten! (Text © Amazon.de)

 

Leseprobe:

 

Teil 2 – knapp zwei Jahre später

Kapitel 1

Charlotte

Ich rücke meinen Rucksack zurecht und setze mir die Sonnenbrille auf die Nase, während ich aus der Seitentür des Geschäftshauses in der Michaelistraße trete. Ein Blick aufs Handy zeigt mir, dass ich es gemütlich angehen kann.
Dr. Jöns hat mich heute früher gehen lassen. Die Überstunden, die ich während der verzwickten Erbschaftsangelegenheit angesammelt habe, müssen irgendwann abgefeiert werden. ›Hatten Sie nicht erwähnt, dass Sie sich heute Abend mit Ihrer Freundin treffen?‹, fragte mein Chef und blickte väterlich über den Rand seiner mit Fingerabdrücken übersäten 3,99-€-Lesehilfe aus dem Supermarkt, als ich ihm die Akten zum Scheidungsfall Clausen ./. Clausen auf den Schreibtisch legte. ›Ja, richtig. Machen Sie früher Schluss. Und essen Sie ein Eis für mich mit.‹
Angesichts der Erinnerung, wie versonnen er dabei gelächelt hat, schließlich hat seine Frau ihm jeglichen Süßkram wegen seiner Diabetes untersagt, summe ich die Melodie des kommenden Sommerhits, und mir fällt ein, dass ich noch gar nicht weiß, wo ich meinen Urlaub verbringen soll. Aus dem Augenwinkel studiere ich die Plakate im Schaufenster des Reisebüros, das sich am Übergang zum Kornmarkt befindet, und die in leuchtenden Farben Lust auf Urlaub in verwunschenen Nebelwäldern Neuseelands oder an schroff in die Berge eingeschnittenen Fjorden Norwegens machen – nur um volle Kanne gegen den Werbeaufsteller der benachbarten Parfümerie zu knallen.
»Autsch!« Auf einem Bein hüpfend, halte ich mir das Knie und greife nach dem Gestell, bevor es noch ebenso zu Boden fällt wie meine Sonnenbrille.
Dabei streift mein Blick das Motiv des Posters, und mit einem Mal ist meine gute Laune verflogen.
›Primitivo per uomo – der Herrenduft von Torrie Strömberg jetzt auch als Pflegeserie‹ steht in fetten Lettern darauf, und als ob die Erwähnung von Thórsteinns Künstlernamen mein Herz nicht in ausreichendem Maß verletzen würde, ist er selbst natürlich auch abgedruckt. Formatfüllend und in brillanter Schärfe.
Den rechten Ellenbogen locker auf eine Kaimauer gestützt, sieht er am Betrachter vorbei auf die See und scheint das hagere Model, das an seine nackte Brust geschmiegt zu ihm hochschmachtet, überhaupt nicht wahrzunehmen.
Ich schließe die Augen. Das Echo der Gefühle, die mich beim erstmaligen Anblick dieses Werbefotos im letzten Vorweihnachtsgeschäft gepackt haben, lässt mich schwindelig werden.
Damals ertappte ich mich dabei, wie ich mit offenstehendem Mund auf den flimmernden Fernseher starrte, als der dazugehörige Spot zum ersten Mal lief. Trotz der Size-Zero-Maße des weiblichen Models war eine oberflächliche Ähnlichkeit mit mir nicht von der Hand zu weisen. Dunkle Augen, Stupsnase, verhältnismäßig füllige Wangen. Ganz zu schweigen von ihrer Frisur: ein lackschwarzer Pagenkopf mit violetten Strähnen, der, seitdem ich ihn getragen hatte, längst den schnelllebigen Zyklen der Modeindustrie zum Opfer gefallen war.
Dank der um sich greifenden Torrie-Strömberg-Hysterie hat sich das inzwischen um 180 Grad gedreht, das beweist mir der Anblick, als ich hochsehe, nachdem ich den Plakatständer endlich wieder aufgestellt bekommen habe. Allein auf dem kurzen Abschnitt des Kornmarkts in Richtung Möschenbrückstraße entdecke ich zwei Teenager und ein Mädel an der Schwelle zum Twen, die diesen Look tragen.
Mann, was bin ich froh, dass ich mich gleich damals, nachdem Åsa ihn zur Tür meiner Wohnung hinausgeschleppt hatte, zu einem krassen Umstyling entschied. Naturbraune, dank Echthaar-Extensions auf Schulterlänge gebrachte Locken lassen nicht erahnen, dass ich gewissermaßen das allererste aller Torrie-Strömberg-Groupies war.
Für die Dauer einer Zehntelsekunde erwäge ich, den Aufsteller ein weiteres Mal und zur Abwechslung mit voller Absicht umzuwerfen, denn die Art und Weise, wie Thórsteinn das T-Shirt des Models in ihrem Rücken hochgeschoben hat, um seine Fingerspitzen in den Bund ihrer Frottee-Shorts zu versenken, erinnert mich auf äußerst schmerzhafte Weise an den Wirbelsturm der Gefühle, den diese Berührung damals bei mir ausgelöst hat.
Von dem, was weiter geschah, ganz zu schweigen.
Ich bücke mich voller Entschiedenheit, hebe die Sonnenbrille auf und schiebe sie vor die Augen, die sich verräterisch wässrig anfühlen. Nein! Die Blöße gebe ich mir nicht, jetzt auf offener Straße in Tränen auszubrechen – so wie damals, als sich die Schlagzeilen auf den Titel der Klatschblätter überschlugen. ›Hat Torrie nun endlich seine Herzdame gefunden?‹, ›Wer ist die Frau, die den unbezwingbaren Torrie Strömberg gezähmt hat?‹, ›Beim Fotoshooting haben wir uns unsterblich ineinander verliebt, erklärt die neue Frau an der Seite von Supermodel Torrie Strömberg‹. Und so weiter.
Nicht, dass es zuvor keine ›mysteriösen Begleiterinnen‹ gegeben hätte. Nein, eigentlich hatten Thórsteinn schon bei seinem ersten Auftritt in der Öffentlichkeit Schönheiten umschwirrt. Nun gut, es handelte sich um die Präsentation der Prêt-à-porter-Show im Herbst des gleichen Jahres und unansehnliche Frauen finden sich auf dem Laufsteg eher seltener ein.
Die Show war eh der Kracher, auch ganz ohne Thórsteinn. Denn nachdem mein Patenonkel für knapp drei Monate komplett von der Bildfläche verschwunden war, tauchte er damals mit einer absolut spektakulären Frühjahr-/Sommer-Kollektion auf, die in der gesamten Modeszene für Aufruhr und Begeisterung zugleich sorgte. Auf seine geniale Weise hatte er die farbenprächtigen Stoffe und Stickereien, die an Gewandungen auf Wikingermärkten erinnerten, mit geometrischen Schnitten kombiniert - und war, nach seiner Inspiration gefragt, bescheiden wie immer zurückgetreten und hatte fein lächelnd die Kunstfigur Torrie Strömberg präsentiert. Seine Muse.
Die Presseleute stachen einander aus mit ihren Vermutungen, dass Friedrich, der den Unfalltod seines Lebensgefährten vor über zwanzig Jahren nie verwunden hatte, nun doch einen neuen Partner gefunden hätte. Aber der Umstand, dass sich der angeblich bei den Großeltern in der Abgeschiedenheit nordschwedischer Wälder aufgewachsene ›Sohn‹ seiner persönlichen Assistentin umgehend ins Nachtleben stürzte und – wenn man den Klatschblättern Glauben schenken durfte, was ich tat, was blieb mir sonst übrig – nahezu jedes weibliche Wesen im Alter zwischen siebzehn und siebenundvierzig abschleppte, ließ diese Stimmen dann rasch verstummen.
Thórsteinn. Scheiße. Wie blöd bin ich gewesen? Verletzt von Aleks hatte ich mich nicht nur dem nächstbesten aus der Vergangenheit in die Jetztzeit gefallenen Wikinger an den Hals geworfen, sondern in den darauffolgenden zwölf Monaten auch noch meine Eignung für Promiskuität getestet. Das knappe halbe Dutzend Männer und die eine Frau bewiesen mir allerdings ziemlich nachdrücklich, dass ich für diese Lebenseinstellung nicht geschaffen war.
Ich taumele den Kornmarkt mehr entlang, als dass ich laufe, und in Anbetracht des unguten Verlangens nach einem Glas Rotwein, das mich vor ›Gérards Vinothek‹ packt, drehe ich auf dem Absatz um und stürme in Richtung Stadtweg.
Ginos Eiscafé! Zum Glück gibt es keine lange Schlange vor dem Außentresen.
»Carlotta!«, begrüßt mich Ginos Ehefrau. »Wie schön, dich zu sehen! Einen Latte Macchiato, wie immer?«
»Nein«, entgegne ich und studiere die Füllungen der verschiedenen Edelstahlwannen. »Heute brauche ich härteren Stoff. Zwei Kugeln …«
»Oh, was ist los mit dir, cara mia?« Francesca nimmt ein Waffelhörnchen und den Eiskugelformer zur Hand und schaut mich auffordernd an. »Stress im Job?«
 »Mhm.« Ich ziehe es vor, jetzt nicht das Fass meines verletzten Stolzes aufzumachen und nicke. Dann deute ich auf eine Eiscremesorte, die ebenso schwarz aussieht, wie ich mich gerade fühle. Innendrin. »Eine Kugel davon, bitte, und eine Kugel …« Meine Augen flitzen über das farbenprächtige Angebot und bleiben bei Rot hängen, blutrot, wie mein gebrochenes Herz. »… Himbeere, bitte.«
»Ahh, vaniglia-carbone!« Francesca bedenkt mich mit einem anerkennenden Augenaufschlag, während sie eine perfekte, schwarz glänzende Kugel formt. »Die anderen Schleswiger sind nicht so mutig wie du, cara mia. Schrecken vor der Farbe zurück, dabei hat mein Gino doch nur feinsten medizinischen Kohlenstaub unter die Vanille-Eiscreme gemischt. Aber, wenn ich eine Empfehlung aussprechen darf …?« Sie hält inne und sieht mich an. »… lampone passt nicht dazu. Ich würde Gummibärchen-Lakritz nehmen, auch eine Erfindung von meinem Gino.« Sie sieht derart stolz aus, ich kann nicht anders und nicke ergeben.
Die verrückt klingenden Eiskreationen schmecken besser als ich gedacht hätte, und meine aufgewühlte Seele beruhigt sich ein wenig, während ich vom Stadtweg aus auf den sonnenüberfluteten Capitolplatz hinaustrete, um nur wenige Meter weiter erneut nach links, in die Straße Am Lornsenpark einzubiegen. Kaum habe ich den streng geometrisch gestalteten Eingangsbereich des Parks durchquert, schirmen die Hecken auch schon den – wenn auch mäßigen – Trubel der Stadt ab, und ich suche mir eine im Halbschatten eines Baumes liegende Bank am Ufer des Kälberteichs.
Sobald Eiscreme und Waffelhörnchen verspeist sind, hole ich das Handy aus der Tasche. Es dauert noch eine Viertelstunde, bis ich mit Maike rechnen kann, deshalb suche ich unter den installierten Apps nach SNIPSL, um einen weiteren, vorab zur Veröffentlichung präsentierten Textausschnitt aus dem romantischen Liebesroman zu lesen, den ich abonniert habe.
»… auch völlig weggetreten, Lotte!« Ein Schatten fällt auf das Handydisplay, von dem ich gebannt Wörter inhaliere. Die Latten der Bank erbeben, als Maike sich neben mich plumpsen lässt, und ehe ich mich versehe, hat sie mir auch schon das Smartphone aus der Hand genommen. »Lass mal sehen. Was liest du da? ›Sein Mund nähert sich dem Meinen, ich drehe das Gesicht weg und seine Lippen berühren stattdessen meine Wange. Sie ziehen eine heiße, prickelnde Spur zu meinem Ohr, dort nimmt er mein Ohrläppchen zwischen die Zähne, bis ich keuche und unter seiner Berührung in Flammen aufgehen will.‹ Aha.« Maike hält inne und sieht mich von der Seite her an.
»Das ist … nichts«, behaupte ich, spüre Hitze auf meinen Wangen und versuche, mein Handy zurückzubekommen.
»Dafür, dass es ›nichts‹ ist, kann es dich aber extrem stark fesseln«, stellt Maike fest und wischt auf dem Display weiter. »Lass mal mehr von dem ›Nichts‹ sehen. Ah, ja: ›Dabei möchte ich es nicht, dass er mich auf diese Weise anfasst. Das heißt, doch, mein Körper verlangt danach, einzig der Kopf sperrt sich dagegen und die bohrende Stimme des Drillzahns nagt darin, will wissen, wie es wohl ist, wenn der Falke Svalvör …‹«
»Gib schon her!« Ich versetze ihr einen Hieb mit dem Ellenbogen und nutze ihre Überraschung aus, um ihr mein Telefon wegzunehmen. Dann schalte ich es schnaubend aus und vergrabe es voller Entschiedenheit tief unter Packungen mit Papiertaschentüchern, dem Geldbeutel und dem ganzen übrigen Chaos in meinem Rucksack.
»Drillzahn, Falke und Svalvör …« Maike rollt mit den Augen. »Liest du jetzt etwa Wikinger-Schmachtfetzen? Reaktionären, heterosexuelle Beziehungen verklärenden Kitsch?«
Sowas lasse ich mir auch nur von einer Kampflesbe wie Maike sagen. »Das ist kein Schmachtfetzen, das ist nur eine Knisterszene aus einem wirklich gut recherchierten Roman«, verteidige ich mich und die Autorin gleichermaßen. »Außerdem gibt es auf SNIPSL auch genügend LGBT-Manuskripte für jemanden wie dich!«
»Ehrlich?« Interesse flackert auf in Maikes himmelblauen Augen. »Das wäre ja cool. Denn ehrlich gesagt habe ich die ganzen Ro… Moment mal!« Mit einem entrüsteten Schnauben unterbricht sie sich. »Wir reden hier nicht über mich, Frollein! Im Gegensatz zu dir besitze ich nicht nur ein erfülltes Sexualleben, sondern auch eine auf Dauerhaftigkeit angelegte Beziehung!«
Nicht das B-Wort! Darüber, ob man es als ›Beziehung‹ bezeichnen kann, wenn der Partner – oder, wie in Maikes Fall, die Partnerin – sich gut drei Viertel des Jahres im südamerikanischen Dschungel aufhält, um am Orinoko nach irgendwelchen Heilpflanzen zu forschen, haben wir uns schon zu oft gestritten. Ich winde mich und balle die Hände zu Fäusten, um keine bissige Bemerkung loszulassen, doch Maike ist, wie so oft, nicht zu bremsen, wenn sie dieses leidige Thema erst einmal angeschnitten hat.
»… nicht noch einmal probieren?«, schwallt sie mich von der Seite voll. »Mit diesem einen, du weißt schon. Der beim Landesdenkmalamt arbeitet … Der war doch ganz passabel!«
»Pappa?« Ich schäme mich ein bisschen dafür, wie ich die beiden Silben ausspucke. Pappa – der im echten Leben Bent Matthes heißt – war der absolute Tiefpunkt in meinem Selbsterfahrungstrip, um Thórsteinn zu vergessen. Absolut deshalb, weil er viel zu nett ist (und das meine ich nicht im Sinne von ›kleiner Bruder von Scheiße‹), als dass ich ihm das hätte antun müssen. Sollen. Dürfen.
»Ja, klar doch! Er sieht nicht schlecht aus …«
… aber auch nicht gut, widerspricht eine hinterhältige Stimme in meinem Kopf.
»… ihm steht eine aufsehenerregende Karriere als Archäologe bevor …«
… ebenso aufsehenerregend wie die Staub- und Sandspuren, die er nach einem Tag an einer Ausgrabungsstätte in der ganzen Wohnung hinterlässt …
»… und er war, glaube ich, wirklich ernsthaft an dir interessiert.«
Ja. Stimmt. Und das war das schlimmste. »Das weiß ich doch alles. Aber es …« Ich hole Luft. »Es hat bei uns auf zwischenmenschlicher Ebene nicht gestimmt.«
»Zwischenmenschlich?« Maikes Stimme trieft vor Hohn. »Du meinst wohl eher horizontal …«
Mit einem Ruck setze ich mich aufrechter hin. »Wenn du erlebt hättest, was mir zuteilwurde, würdest du deine geliebte Anouk nicht mal mehr mit dem Allerwertesten anschauen.«
»Meine Güte!« Maike lacht aus vollem Hals. »Noch geschwollener kannst du wohl nicht von deinem mysteriösen Finnen sprechen!« Sie macht eine Pause und sieht mich von der Seite her an. »Glaub mir, Schwänze werden überbewertet!«
Schwanz. Ich rolle die Augen. Für die Verwendung dieses Wortes könnte ich Maike würgen. Ganz zu schweigen von ihrem abwertenden Tonfall. »Ich rede doch nicht von seinem Glied!«, weise ich sie zurecht. »Das heißt, doch!« Meine Güte, Maikes hochgezogene Augenbrauen bringen mich aber auch komplett aus dem Konzept! »Aber zuvor … Du glaubst nicht, was dieser Mann mit seinen Händen fertigbringen konnte. Ich weiß auch nicht, was das für eine Stelle war, die er in meiner Scheide bearbeitet hat, aber sein Finger ha…«
»Sein Finger?«, unterbricht mich Maike mit gerunzelter Stirn. »Meinst du etwa G-Punkt-Massage?«
»Bitte?« Maikes technokratische Ausdrucksweise wirkt wie ein Eimer kaltes Wasser auf meine, angesichts der Erinnerungen, in Wallung geratenen Gefühle.
Doch Maike interessiert das nicht. »Aber, wieso das nun auf einmal?«, plappert sie weiter. »Als du mit Jessica rumgemacht hast – die übrigens trotz deiner Abfuhr immer noch glänzende Augen bekommt, wenn die Sprache auf dich kommt – hast du behauptet, das hätte dir überhaupt nicht gefallen!«
»Hat es ja auch nicht!« Meine Güte, wie soll ich meiner besten, aber stocklesbischen Freundin nur begreiflich machen, dass es etwas völlig anderes ist, ob ein Mann sowas macht, oder eine Frau? Das ist doch zum Aus-der-Haut-Fahren! Ich seufze. »Es tut mir ja auch leid, dass ich derart auf Männer stehe, dass man mich fast schon schwul nennen kann!«
Maike lacht, wie immer, wenn ich den uralten Spruch zitiere, mit dem sie mich am Ende der Mittelstufe, nachdem sie ihr Outing hatte, aufzuziehen begann, und ich weiß, das Eis ist gebrochen.
»Und, wie geht es dir … euch?«, frage ich mit einem Blick auf den enormen Babybauch, der sich in den letzten Tagen, seit ich Maike zuletzt gesehen habe, noch mal deutlich vergrößert zu haben scheint. »Alles im grünen Bereich?«
Mit einem Ächzen rutscht Maike ein Stückchen weiter nach vorn auf der Sitzfläche der Bank. »Laut Dr. Majer schon, aber wenn du mich fragst … Ich sterbe. Mittlerweile kenne ich jede Toilette hier in der Stadt.« Sie seufzt. »Mist!«
»Mist?«
»Ich hätte nicht davon sprechen sollen. Jetzt muss ich schon wieder.« Maike wuchtet sich von der Bank hoch. »Die Ecke hier ist eher dein Revier … Was meinst du, wo könnte ich …?« Sie sieht sich suchend um.
»Lass uns zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen!« Ich stehe auf und nehme meinen Rucksack über die Schulter. »Klo für dich, einen Chianti für mich und eine Pizza capricciosa für uns beide!« Auffordernd nicke ich in nördliche Richtung, wo sich mit ›da Pino‹ meine Lieblingstrattoria befindet.
*
Ein Glas kühlen, lombardischen Lugana für mich, zwei große Apfelsaftschorlen für Maike (falls ich mich je gewundert haben sollte, weshalb sie ständig aufs Klo rennen muss – jetzt habe ich die Erklärung) und eine extragroße Capricciosa später strecken wir uns genüsslich ächzend auf den Polstern der Kunstrattan-Sofas aus, mit denen Pino den Außenbereich seiner Trattoria gepimpt hat.
»Bringst du uns noch zwei Espressi?«, fragt Maike den Gastwirt, der unsere leergegessenen Teller abräumt, und er nickt schmunzelnd.
»Caffè?« Ich hebe nur die linke Augenbraue. Ist Koffein nicht schädlich für Schwangere?
Maike stöhnt und rückt ihren monströsen Bauch zurecht. »Den brauch’ ich jetzt. Sonst schlafe ich hier auf dem Sofa ein.«
Ich lehne mich auf den Rückenkissen nach hinten und lache. »Wär’ doch mal eine Abwechslung!«
»Du hast gut lachen«, grummelt sie und rührt das dritte Päckchen Zucker in ihren Kaffee, was mir einen Stich ins Herz versetzt, weil es mich an eine gewisse Person erinnert.
»Apropos Abwechslung«, ändere ich die Gesprächsrichtung. »Kommst du am Sonnabend?«
»Zur Geburtstagsparty deiner Mutter?« Maike gähnt herzhaft, besonders gut scheint der Espresso also nicht zu wirken. »Wenn ich es möglich machen kann? Allerdings sind wir schon über dem Termin …«
Ich runde die Summe, die auf der Rechnung steht, ordentlich auf und schiebe die Scheine zu Pino rüber, der sich in Komplimenten über Maikes blühendes Äußeres ergeht. »Dann ist Anouk schon aus Venezuela zurück? Weshalb hast du sie nicht mitgebracht?«
»Anouk?« Maike wuchtet sich schwerfällig hoch und schielt sehnsüchtig in die Richtung, wo die Toiletten liegen. »Wie kommst du darauf?«
»Naja, du hast ›wir‹ gesagt …« Ohne wirklich eine Antwort zu erwarten, starre ich auf Maikes Rücken, der sich, nachdem sie etwas von ›Klo‹ gemurmelt hat, schnell entfernt.
»Zieh nicht so ein Gesicht, Carlotta«, ermahnt Pino mich.
»Tu ich gar nicht«, behaupte ich, obwohl ich weiß, dass er recht hat, denn in der Frage, ob ein Kind einen Vater braucht oder nicht, sind Maike und ich uns seit jeher uneinig. »Außerdem … Ist es nicht normal, dass heutzutage beide Elternteile bei der Entbindung dabei sind?«
»Ma sì, certo!« Pino, der mit uns in der Klasse war, grinst verwegen. »Sogar mein Bruder war dabei, als seine bambini geboren wurden – und er ist ein … wie sagt man auf Deutsch? … codardo
»Alberto ist doch kein Feigling!«, verteidige ich ihn mit einem Kopfschütteln, denn Pinos großer Bruder war damals, zu unseren Schulzeiten, der Schwarm aller Mädels. Einschließlich mir.
Aber Pino hat sich bereits neuankommenden Gästen zugewandt, dann ist auch schon Maike zurück, und wir verabschieden uns ein wenig überstürzt.
Es wird schon dämmrig, als ich mein Rad aus dem Hinterhof von Dr. Jöns’ Anwaltskanzlei hole. Schusselig, wie ich bin, habe ich natürlich vergessen, während der Arbeitszeit die Akkus aufzuladen, aber die knapp zehn Minuten nach Hause wird das Zwielicht schon ausreichen.
Ich schwinge mich auf den Drahtesel, trete in die Pedale und fädele mich in die Schleistraße ein.
Die Bugwellen der Boote, die nach einem sonnigen Maitag auf der Schlei nun den Yachthafen ansteuern, spiegeln ihre Positionslichter ins Hundertfache, und rufen mir in Erinnerung, dass ich seit bald zwei Jahren jegliche Orientierung in meinem Leben verloren habe.
Wütend stemme ich mich aus dem Sattel hoch und strampele gegen den scharfen Westwind an, der mir auf Höhe vom Schloss auf dem Gottorfer Damm entgegenschlägt. Denn wie schon viel zu oft flüstert eine hinterhältige Stimme in meinem Hinterkopf mir zu, es doch noch einmal mit Aleks zu versuchen. 
Seine Affäre mit Konstanze (›Es war ein riesengroßer Fehler, liebste Charlie!‹, höre ich seine Beteuerungen) war schnell vorüber, und seither hat er mir zu jedem Geburtstag, zu Nikolaus, Weihnachten und natürlich dem Valentinstag ein Präsent zuschicken lassen.
Die ich selbstverständlich alle umgehend zurückgehen ließ.
Ich meine, was denkt er sich? Wie soll eine Partnerschaft, Beziehung, eine Ehe und gar Elternschaft funktionieren, nachdem er mir derart nachdrücklich gezeigt hat, dass er nicht treu sein kann? Von dem Umstand, dass ich mich wie eine Verdurstende in Thórsteinns Arme geschmissen habe, ganz zu schweigen.
Schon halb auf dem Weg zum Eingang zum Wikingturm, mache ich halt, denn – wie könnte es anders sein – vor lauter Grübeleien habe ich die leeren Beleuchtungsakkus vergessen.
Als ich vor dem Aufzug stehe und gerade auf den Knopf drücken will, fällt mir ein, wie ich mit Thórsteinn hier stand – und dass selbst, wenn Aleks mich nicht mit Konstanze betrogen hätte, ich nicht mehr mit ihm zusammen sein könnte. Denn der Finne, der keiner war, hat mich gänzlich für alle anderen Männer verdorben.
Mit einem Seufzen steuere ich die Tür zum Treppenhaus an.
Ein bitteres Lächeln drängt sich auf meine Lippen. Wenn er mich jetzt sehen könnte! Ja, so oft ich in letzter Zeit schon die ganzen 25 Stockwerke hinaufgelaufen bin, habe ich einen noch nie zuvor dagewesenen Grad der Fitness erreicht – der sich auch nicht gerade unvorteilhaft auf meine Figur ausgewirkt hat, wie ich mir angesichts des kaum wahrnehmbaren Völlegefühls nach einer halben Familienpizza in Erinnerung rufe.
Naja, ein gutes Drittel. Maike isst aktuell ja für zwei …
Für zwei … Wie der Bohrer bei einer Wurzelbehandlung fräst sich der Neid in mein Herz, weil es Maike ist, die nie Familie wollte, die jetzt ein Kind bekommt – während ich, die ich mich neben Aleks schon ganz stolz bei Einschulungsveranstaltungen unserer Kinder sah, weniger Aussicht denn je habe, diesen Familienstand zu erreichen.
Klar, wenn ich es machen würde wie Maike, die vorhat, nach sechs Wochen Mutterschutz wieder voll einzusteigen als Leiterin der Buchhaltung in der Zentrale von Auto Buddersen.
›Die können nicht ohne mich‹, sagte sie und riss die Augen auf, als ich sie nach der Dauer ihrer Elternzeit fragte. ›Zwölf Niederlassungen in halb Schleswig-Holstein! Da kannst du nicht mal eben so jemanden zur Vertretung einarbeiten!‹
Ich schlucke, wie ich es damals tat angesichts ihres Seitenhiebs auf meinen wenig anspruchsvollen Job bei Dr. Jöns. Dann stehe ich auch schon vor der Wohnungstüre und höre das fordernde Plappern von Gnýr und Gollnir angesichts des Klapperns meines Schlüsselbundes.
»Ja, ja, ja!« Noch ehe ich meinen Rucksack drinnen ablegen kann, muss ich mich niederknien, um die beiden riesenhaften Kater zu streicheln, denn sonst bringen sie mich auf dem Weg zur Küche noch zu Fall. »Tut mir leid, dass es so spät geworden ist, meine Süßen! Aber einmal die Woche haltet ihr es doch aus, dass ich nicht gleich nach der Arbeit heimkomme?«
Das Geplauder der beiden – die Züchterin hatte mich vorgewarnt, es klingt wirklich nicht wie das Miauen von normalen Katzen, sondern eher wie Sprechversuche von Kleinkindern – steigert sich, während ich mit ihnen in die Küche gehe.
»Ja, habt ihr Hunger, meine Süßen, ja?« Ich öffne eine Dose ›Michelangelo deluxe‹, verteile das Nassfutter auf zwei frische Näpfe und frage mich, wie berufstätige Mütter das aushalten, die ihre Kinder den ganzen Tag nicht sehen – wenn mich die Wiedersehensfreude der Kater schon auf den moralischen Tiefpunkt zieht, weil mir einfällt, dass die beiden bereits am Sonnabend erneut auf mich verzichten müssen.
Mums Geburtstagsparty.
Absolut utopisch, auf meine Anwesenheit zu verzichten, auch wenn ich genau weiß, dass ich mich tödlich langweilen werde.
Geschlagene fünf Minuten stehe ich in der Küche, lausche dem Schmatzen, mit dem Gnýr und Gollnir ihre Näpfe leeren und hadere mit mir selbst, ob ich mir noch ein Glas Wein einschenken soll oder nicht.
Ehrlich, wenn ich so weitermache, werde ich noch zur Alkoholikerin!
Ich hole tief Luft, lösche das Licht und vermeide jeden Blick zum verführerisch prall gefüllten Weinregal. Stattdessen streife ich mir auf dem Weg ins Bad die Sneakers von den Füßen und ziehe mich aus. Nach einer Katzenwäsche und mit dem Geschmack von Pfefferminzzahnpasta auf der Zunge schlüpfe ich nackt, wie ich bin, zwischen die kühlen Laken meines viel zu großen und viel zu leeren Bettes.
Verfluchter Mist! Ich umschlinge mich selbst mit meinen Armen, streichele mich vergeblich auf der Suche nach Trost, und ein bitteres Lachen drängt sich meine Kehle hinauf, als der nachtschwarze Gnýr mich mit seiner feuchten Nase anstupst. Wahrscheinlich werde ich als eine jener durchgeknallten, alleinstehenden Katzenladys enden, die am Wochenende auf dem Bauernmarkt Spendengelder für die Katzenhilfe sammeln.
Denn eines ist sicher, das wird mir erneut bewusst, als ich meine Finger in Erinnerung an Thórsteinns kundige Berührung durch die Locken meiner Scham streichen lasse: Nachdem ich erleben durfte, wozu dieser Mann im Bett fähig war, kann und will ich nicht mehr mit B-Ware vorliebnehmen!
Dann lieber selbst Hand anlegen … Seufzend rolle ich herum, scheuche Gnýr und Gollnir mit meiner Bewegung aus dem Bett und beginne damit, mir die Liebkosungen zu schenken, nach denen es meine einsame Seele und den ausgehungerten Körper gleichermaßen verlangen.




Kapitel 2

Thórsteinn

Die dichte Grasnarbe des gepflegten englischen Rasens gibt unter den Ledersohlen meiner Schuhe nach, als ich mich vom Gedränge in der Nähe des Hauses entferne, das herrschaftliche Pracht ausstrahlt. Zielstrebig halte ich auf die Gestalt des Mannes zu, der in den letzten dreiundzwanzig Mondläufen mehr zum Vater für mich wurde, als es mein Erzeuger und Gerthar zusammengenommen jemals waren.
Ganz ins Gespräch mit Åsa vertieft, die darin aufblüht, uns beide nach Kräften zu umsorgen, bemerkt er mich erst, als meine vorgebliche Mutter einen Schritt zur Seite macht, um mich mit dem unvermeidlichen, doppelten Wangenkuss zu begrüßen.
Wie sehr ich mich an die beiden gewöhnt habe. Wahrscheinlich ist es dem Umstand gedankt, wie behutsam sie mich in den ersten Wochen, nachdem Friedrich mich in die abgelegene Einöde von Åsas nordschwedischer Heimat bringen ließ, darüber aufgeklärt haben, dass ich keinesfalls gestorben war.
Friedrichs Kopf bewegt sich um wenige Haaresbreiten in meine Richtung, weil sich das Lachen, das ich unterdrücke, als leises Schnauben seinen Weg aus meiner Nase bahnt.
»Seid mir nicht böse, meine zwei starken Jungs …« Der Zungenschlag, mit dem Åsas Worte gefärbt sind, umhüllt mich mit einem Sicherheit spendenden Gefühl der Vertrautheit. Sie hebt ihr leeres Glas auf Augenhöhe. »Aber Regen lässt das Gras wachsen, Wein das Gespräch. Ich muss dringend die Luft aus diesem Glas herauslassen.«
»Ich …« Da ich nicht weiß, wie ich anfangen soll, sehe ich ihr hinterher, wie sie zwischen den Leuten zu dem am Ufer des kleinen Sees aufgebauten Stand geht, wo Diener in einheitlicher Tracht Getränke ausschenken.
Friedrich Baumann regt sich unmerklich, ich ahne, dass er mich hinter seinen dunklen Brillengläsern aus dem Augenwinkel ansieht, und wie immer frage ich mich, ob der steife, bis unters Kinn reichende Hemdkragen es ist, der ihn daran hindert, den Kopf zu wenden, oder ob er ihn deshalb ständig trägt, um eine Steifheit des Nackens zu verbergen. Er hebt die Augenbraue, und fordert mich damit wortlos auf, weiterzusprechen.
Ich hole Luft und lege mir, wie einst, die Wörter im Kopf zurecht, die mir schwerer fallen und doch einfacher sind. »Es ist mir wichtig, deine Zustimmung zu erfragen, Friedrich«, beginne ich und versuche mich an einem gewinnenden Lächeln. »Du weißt, wie fremd mir noch so vieles hier ist. Deshalb: Erlaube mir, wie zu meiner Zeit üblich, dich um Erlaubnis zu fragen, Charlotte den Hof zu machen.«
»Ha, haha! Erlauben, um Erlaubnis zu fragen.« Er lacht sein Lachen, das vor Spott trieft, und bewegt die mit dicken Silberringen geschmückten Finger, als wolle er lästiges Ungeziefer verscheuchen. »Ist es dafür nicht ein wenig zu spät?«, fragt er mich, und insgeheim muss ich ihm zustimmen. »Nach alldem, was ihr beiden vor zwei Jahren …« Den Rest des Satzes lässt er unvollendet zwischen uns schweben.
»Vor zweiundzwanzig Mondläufen«, berichtige ich ihn, ehe mir richtig bewusstwird, was ich sage. »Nun, gut, fast dreiundzwanzig.« Ich lege den Kopf in den Nacken, schaue hinauf in die Kronen der hohen Bäume, die den Garten von Kay Sieveroths Villa beschatten, und spüre für die Dauer eines Atemzugs der Beunruhigung nach, die ihr Anblick immer noch in mir auslöst, weil ich sie aus meinem alten Leben nicht kenne.
»Rosskastanien.« Friedrichs grausam aufmerksamer Blick ist dem Meinen gefolgt, und ich muss voller Macht die Verärgerung darüber beiseiteschieben, mich unwissend zu fühlen wie ein Kind. Er kann sicherlich am wenigsten dafür, dass ich aus der Vergangenheit gefallen bin, und ich sollte dankbar dafür sein, was für ein dichtes Geflecht an Schutzmaßnahmen er und seine Angestellten – nicht Sklaven, Thórsteinn! – um mich errichtet haben.
»Ja. Rosskastanien.« Ich erinnere mich daran, dass ›Ross‹ ein Pferd bezeichnet, und fahre mir mit der Rechten durchs Haar, streiche es mir aus der Stirn, um das Wort in meinem übervollen Hirn zu verankern.
»Ganz abgesehen davon, dass ich der Falsche bin, den du fragst …« Friedrich kommt einen Schritt näher, ich nehme wahr, wie er unsere Umgebung einem Jagdhund gleich bewittert, und als er feststellt, dass niemand in der Nähe ist, zieht er die Brille auf seine Nasenspitze herab. Der Blick seiner Augen, die warmherzigsten und treuesten, in die ich je sah, in dieser Zeit und in der damaligen, richtet sich auf mich. »Ihr beiden solltet euch erst einmal kennenlernen, ehe du dir den Kopf darüber zerbrichst, ob du ihr den Hof machen willst.«
Das klingt einleuchtend. »Und, wo finde ich sie?«
»Das gefällt mir an dir.« Friedrich schiebt die Gläser mit dem Mittelfinger wieder hoch. »Zögerst nie lange, sondern packst jede Gelegenheit beim Schopf.« Er weist mit dem Daumen hinter sich. »Wie ich meine Patentochter kenne, verkriecht sie sich angesichts von Kays unzähligen Gästen in der Küche.«
In der Küche? Ich runzele die Stirn.
»Geh über die Terrasse ins Frühstückszimmer, da nimmst du die rechte Tür, und schon bist du dort«, erklärt Friedrich und lächelt unmerklich, woraufhin ich mich in Bewegung setze.
*
»Später, Darling«, wimmele ich Loretta May ab, die sich mir in den Weg stellt. Jetzt habe ich ganz sicher keinen Kopf, mich mit meiner Agentin über geplante Shootings abzustimmen. Nach rechts und links den Kopf neigend, das Gesicht zu jener unbestimmten Maske verzogen, die jedermann von meinen Ablichtungen kennt, bahne ich mir einen Weg durch das Gewühl im Garten.
»Ah, Darling, wissen Sie wo Friedrich steckt?« Kay hält mich am Ärmel meines sandfarbenen Maßanzugs fest. Um ihre Lippen hat sich ein Zug der Anspannung gelegt, und ich würde sie wirklich gern beruhigen – aber jetzt muss ich erst ihre Tochter sprechen.
Ich zeige hinter mich. »Dort hinten, unter den …« Wie heißen sie? Was hat Friedrich gesagt? »… Pferdebäumen?«
Charlottes Mutter, die schon einen Schritt in die angewiesene Richtung gemacht hat, hält inne, und ein Lächeln, das im Gegensatz zu sonst auch ihre Augen erreicht, flackert über ihr Gesicht. »Danke, Torrie«, spricht sie mich mit dem Namen an, den Friedrichs Marketingabteilung für mich erfunden hat. »Sie sind einfach köstlich. Jedes Mal schaffen Sie es, mich zum Lachen zu bringen – selbst wenn mir vor lauter Aufregung gar nicht zum Spaßen zumute ist.«
»Das regelt sich«, versuche ich sie zu beruhigen, obwohl ich gerade alles andere will, als mit ihr über ihre Sorgen zu sprechen. »Wie sagt man? Glück und … Glück?« Wörtlich übertragen ergibt die Redewendung keinen Sinn, und ich verziehe die Lippen.
»Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich Friedrich und Ihnen bin.« Sie scheint meine Verunsicherung nicht zu bemerken. Stattdessen legt sie ihre langen, schlanken Finger auf mein Handgelenk, und fast fühle ich mich an die Geste der Schwestern erinnert, die damals, als ich nach meinem Aufprall in dieser Zeit im Siechenhaus lag, auf diese Weise nach meinem Herzschlag forschten. Doch schon hebt sie die andere Hand mit einem Sektglas. »Cheerio, Torrie!«, zwitschert sie urplötzlich vergnügt und haucht mir einen Kuss auf die Wange.