Ihr Lieben, hier wird bald dicht gemaccht. Danke für eure Treue und vielleicht liest man sich ja bald irgendwo wieder. Grüßle euer Blümchen Ela

Mittwoch, 15. November 2017

Leseproben-Zeit beim Sonnenblümchen mit Katharina Münz


Ja hallöchen ihr Lieben, mich haben wieder einige wundervolle Leseproben von lieben Autoren erreicht und diese werde ich euch nun die nächsten Tage hier auf meinem Blog präsentieren. 


Dann fangen wir doch einfach mal mit der Autorin Katharina Münz und einem ihrer Bücher an. Viel Spaß beim Lesen!



Aus der Zeit gefallen - Thórsteinn vs. Charlotte: Teil 1 


Temporeich, lebensnah, aus der Zeit gefallen 


Reenactment. Charlotte bekommt Herpes, wenn sie nur an das Wort denkt. Auf matschigen Äckern Wickie spielen entspricht nicht gerade ihrer Vorstellung von einem gelungenen Wochenende, aber was tut sie nicht alles ihrem Freund zuliebe.





Doch dann erwischt sie Aleks mit ihrer – ehemals! - besten Freundin auf dem Mittsommerfest. Zutiefst verletzt flieht sie vom Museumsdorf, als ein lecker aussehender Fremder in A+-Gewandung ihr vors Auto und ins Leben fällt.



Mit »Aus der Zeit gefallen« wagt die ›Edition Wikinger im Herzen‹ einen Genreausflug in Richtung New Adult/Urban Fantasy/Contemporary Romance-Mix.



Achtung! Bei diesem E-Book handelt es sich um eine Art Vorab-›Single-Auskopplung‹ mit Cliffhanger-Ende



Wer »Aus der Zeit gefallen« komplett lesen möchte, möge bitte die vollständige Veröffentlichung in ein paar Monaten abwarten! (Text © Amazon.de)

Leseprobe:




Teil 1


Kapitel 1

Charlotte

Links, rechts. Links, rechts. Links, rechts. Die Scheibenwischer zucken über die Frontscheibe, exakt im Gleichtakt mit dem aggressiven Beat, der aus den Lautsprechern schreit und die Türverkleidungen zum Vibrieren bringt. Doch so heftig die Gummilippen auch gegen den strömenden Regen da draußen anwischen, sie versagen kläglich im Kampf gegen die Schlieren vor meinen Augen – Tränen vermögen sie nicht wegzuschieben.
»Now, that you are gone«, kreischt die Stimme des Leadsängers, und ich brülle seine Worte mit, während ich mit den Fingern aufs Lenkrad trommele. »I finally realize that you were the goddess of my life.«
Gut, der Blick in den Rückspiegel auf mein verheultes Gesicht, das im Licht der vorüberhuschenden Straßenbeleuchtung von Fleckeby kurz aufleuchtet wie die Fratze eines Gespenstes, beweist mir, dass ich das schiere Gegenteil einer Göttin bin: Der streng geschnittene, lackschwarz gefärbte Bubikopf mit violetten Strähnen bemüht sich vergeblich, meine Pausbacken zu kaschieren, auch wenn Mums Edel-Coiffeur diese Wirkung noch so heftig beteuert hat. Und so verrotzt und rotgeheult wie ich im Moment aussehe, hasse ich den Anblick der viel zu kleinen Stupsnase noch mehr als sonst, die mitten in der Katastrophe prangt, die mein Gesicht darstellt.
Ich presse die Lippen aufeinander. Immerhin, ich habe Schluss gemacht, nicht er. Und auch wenn ich, wie ich gerade feststellen musste, kein bisschen von einer Göttin habe, zu hoffen, dass er sich in den Allerwertesten beißt, weil er mich verloren hat, wird man ja wohl noch dürfen!
›Kosel 1 km‹ steht auf dem Straßenschild, das im Licht meiner Scheinwerfer grellgelb aufleuchtet, ich haue den linken Blinker rein und bremse den Mini runter. Kaum abgebogen, jage ich das Auto in den 3., 4. Gang hoch, nur um vor dem Ortsschild erneut auf 50 km/h zu verzögern. Nicht, dass hier irgendjemand nachts um halb zwölf unterwegs wäre, erst recht nicht, wenn es wie aus Eimern schüttet – aber so sterbenslangweilig, wie ich nun einmal bin, kann ich nicht einmal dann eine Geschwindigkeitsübertretung begehen, wenn es keine Sau juckt!
Da vorne ist auch schon das letzte Haus von Kosel. Auf der freien Strecke gebe ich Gas, und augenblicklich schiebt sich jener Anblick vor mein inneres Auge, der Schuld daran trägt, dass ich mitten in dieser komplett verregneten Juninacht auf der Flucht bin: Aleks’ nacktes, im grellen Licht meiner LED-Taschenlampe fahl aufleuchtendes Hinterteil.
›Wie kannst du die mitnehmen, Charly?‹, ertönt sein vorwurfsvolles Tadeln in meinem Kopf. ›Die ist nicht mal ansatzweise zeitgerecht!‹
Fast schaffe ich es, mich über seine Spitzfindigkeit aufzuregen, doch dann sehe ich wieder, wie sein blankgezogener Arsch sich in rhythmischen Bewegungen über dem beneidenswert schlanken Körper meiner besten Freundin Konstanze abrackerte.
Meiner vormals besten Freundin, korrigiere ich mich und trete das Gaspedal noch ein Stück weiter durch. Die liebe Maike hat schlussendlich doch recht behalten: Ich passe einfach nicht in die hanseatisch-kühle Gesellschaft, weder zu Aleks mit seinem Reenactment-Fimmel, dem zu Liebe ich in dem elendig schweren Kettenhemd stecke, dessen Glieder bei jeder Lenkbewegung leise klirren, noch zu Konstanze, die mit ihren Modelmaßen und dem unaufgeregten Stilgefühl viel eher als Mums Tochter durchginge als ich.
Maike.
Einen Moment lang überlege ich, ob ich es wirklich wagen kann, bei ihr angekrochen zu kommen, nachdem ich sie in den letzten Monaten links liegen gelassen habe. Doch ich muss zugeben, ich ziehe nicht wirklich ernsthaft in Erwägung, umzukehren und Mums bis aufs i-Tüpfelchen stilgerecht sanierte Gründerzeitvilla in Borgwedel anzusteuern, in der ich aufgewachsen bin – und erst recht nicht mein Apartment im Schleswiger Wikingturm.
Schließlich besitzt Aleks einen Schlüssel dazu und wenn, wird er mich dort als erstes suchen.
Wie aufs Stichwort klingelt mein Handy, und im Display des Navis leuchten die Worte ›Anruf von: Aleks‹ auf.
»Denkst du, ich bin blöd, du schwanzgesteuerter Hirni?«, schreie ich das grinsende Antlitz seiner online-Visitenkarte an. Ich drücke den Anruf weg und wähle rasch, bevor er erneut durchklingeln kann, Maikes Telefonnummer.
»Hallihallo, hier ist die Maike-Box«, tönt es aus dem Lautsprecher. »Maike kann gerade nicht ans Telefon, drum quatsch deinen Text nach dem Pieps auf meine Speichereinheit!« Maikes Kichern ertönt, dann das angekündigte Piepen, und ich hole Luft.
»Hi, Maike, hier ist Lotte«, sage ich und folge dem Straßenverlauf, den ich blind kenne, so oft, wie ich in den vergangenen zehn Jahren hier langgefahren bin. Erst mit dem Rad, dann mit dem Roller und schließlich mit dem Mini: Immer, wenn die Kacke am Dampfen war, fand ich auf dem Hof von Maikes Eltern im herrlich verschlafenen Ketelsby Unterschlupf. »Ich bin auf dem Weg zu dir. Aleks … Deine Vorhersage ist eingetroffen.« Ich schniefe lautstark, ehe ich weiterspreche. »Der Arsch hat mich betrogen. Ausgerechnet mit Konstanze und ausgerechnet auf dem blödsinnigen Mittsommerfest in diesem blödsinnigen Wikinger-Museum, für das ich mir diese blödsinnige A-plus-Gewandung gekauft habe.«
Das Grellgelb eines Ortseingangsschilds leuchtet in den Kegeln meines Fernlichts auf, und ich bremse ab.
»Ich fahre eben durch Rieseby«, informiere ich Maike. »In einer Viertelstunde bin ich bei dir. Bis dann.« Unter geräuschvollem Hochziehen meiner Nase drücke ich die Auflegen-Taste am Lenkrad und gebe, kaum dass ich das Ortsende erreicht habe, erneut Gas. Ehrlich, ich könnte viel schneller fahren, wenn mein linker Ellenbogen nicht bei jeder Lenkbewegung mit dem Knauf des Schwerts kollidieren würde, das in dem aus originalgetreu grubengegerbtem Leder gefertigten Schwertgehänge steckt. Originalgetreu! Ich schwöre, ich werde dieses Adjektiv ebenso aus meinem aktiven und passiven Wortschatz löschen, wie ich das Schwert und den ganzen übrigen Kram entsorgen werde.
Aber auf die paar Minuten kommt es jetzt auch nicht mehr an. Klar, ich könnte anhalten und es abnehmen, aber wer wäre schon so blöd, bei diesem Wolkenbruch auszusteigen? Nicht einmal ich!
Erneut klingelt mein Handy, ich schiele aus dem Augenwinkel auf das Display und schnaufe erleichtert auf, als ich ›Anruf von: unbekannt‹ entziffere.
Das muss Maike sein, denn niemand sonst, den ich kenne, telefoniert mit unterdrückter Rufnummer.
Ich drücke auf die Taste zum Annehmen. »Maike?«, rede ich drauflos, ohne auf ihr Melden zu warten. »Ich bin’s, Lotte. Hab dir eben auf die Mailbox gequatscht, aber die hast du bestimmt noch nicht abgehört. Bin gerade auf dem Weg zu dir. Du bist doch zu Hause, oder?«
Keine Antwort. Nur atmosphärisches Rauschen, das ein wenig wie das genervte Räuspern von Aleks klingt, wenn ich wieder einmal einen Bock geschossen habe.
Aber wieso denke ich an ihn? Er ist ja nicht am Apparat. »Maike?«, frage ich abermals, nun etwas unsicher geworden. »Das bist doch du, oder? Nicht wahr?« Ich lausche, doch erneut keine Wortmeldung. »Hab ich dich etwa aus dem Bett geklingelt, Maike? Das täte mir echt leid, aber … Ich brauche dich jetzt, Maike. Ehrlich! Aleks hat mich betrogen, ich hab’ ihn in flagranti erwischt. Alles, was du je über diesen Mega-Arsch gesa…«
»Nur, um das klarzustellen«, dröhnt Aleks’ Stimme aus dem Lautsprecher. »Ich habe sicherlich einen furchtbaren Fehler gemacht und dich über die Maßen verletzt, liebste Charlie – aber ich bin kein Mega-Arsch!«
Wie, dreimal verkackte Scheiße, kommt Aleks an Maikes Telefon? Ich versuche vergeblich, mir einen Reim daraus zu machen, während sich mein Mundwerk schon selbsttätig in Bewegung setzt. »Bist du doch!«, schnappt es. »Und zwar ein Mega-mega-mega-Arschloch, um genau zu sein!«
»Aber Charlie, hör mi…«
»Und wie oft, du gehirnamputierter Teilzeit-Wikinger«, unterbreche ich ihn, »muss ich dir noch sagen, dass mein Name Charlotte Louise Friederike lautet, für Freunde Lotte, aber niemals, hörst du, niemals Charlie?«
Er seufzt. Übertrieben, wie immer, aber was überrascht mich daran? »Lottchen, Liebes i…«
»Lotte, nicht Lottchen!«, kläre ich ihn mühsam beherrscht auf und blinke links, um von der L27 zur L283 in Richtung Lindau abzubiegen. »Und auch das nur für Freunde.«
»Schätzchen, Liebes, ich bin doch dein Freund«, beharrt er, und ich werde noch wütender, weil er das Aussprechen meines Taufnamens so hinterhältig umgeht. »Auch, wenn ich zugeben muss, dass ich einen furchtbaren Fehler gemacht habe und es kaum wagen darf, auf deine Vergebung zu hoffen. Aber ich liebe dich! Ich werde dich immer lieben, und ich bin mir sicher, sobald du dich etwas abgeregt hast, wirst du das erkennen, mir verzeihen und übernächste Woche an Papas Geburtstag meinen Heiratsantrag annehmen.«
Aha. Daher weht also der Wind. »Meinst du wirklich?«, frage ich mit angestrengt auf Besonnenheit bedachter Stimme.
»Aber natürlich!« Aleks’ Erleichterung ist durch die Freisprecheinrichtung förmlich zu greifen.
»Natürlich?«, schreie ich und zucke selbst zusammen, weil sich meine Stimme überschlägt. »Nein! Natürlich nicht! Ich hasse dich, du verkacktes Arschloch! Dich und deine verfickte … « Meine Augen richten sich auf die regennasse Fahrbahn, die über den Damm zur Lindaunisbrücke führt. Verdammt! Was ist das?
Im Licht meiner Scheinwerfer taucht eine Gestalt auf, taumelt, stolpert, fängt sich.
»Ach du grüne Scheiße!« Ich umklammere das Lenkrad und trete das Bremspedal bis zum Anschlag durch. Was macht der mitten auf der Straße?
Das ABS ruckt und bockt, die Scheibenwischer fahren wie in Zeitlupe über die Frontscheibe, die Gestalt kommt näher. Noch näher.
Scheiße! Ich werde den totfahren!
Millisekunden dehnen sich zu Ewigkeiten. Das Auto verzögert, immer noch bockend, ich hänge im Gurt und das beschissene Schwert drückt gegen meinen linken Hüftknochen. Endlich – es erscheint mir, als sei eine Ewigkeit vergangen, seit ich zu bremsen begonnen habe – kommt der Wagen mit abgewürgtem Motor zum Stehen.
Vorsichtig hebe ich den Blick.
Die Gestalt – ein Mann, das klatschnasse, schulterlange Haar vom Wind zerzaust – steht immer noch.
Gottseidank! Also habe ich ihn doch nicht totgefahren! Ich seufze erleichtert auf – nur um im nächsten Moment Zeuge zu werden, wie er hintenüberkippt.
»Scheiße!«, schreie ich. Scheiße. Scheiße. Scheiße. Wo ist das Handy?
Ich tauche ab in den Fußraum, schlage mir den Kopf am Lenkrad an und halte es endlich in den Fingern.
»… los, Charlie?«, quäkt Aleks mir ins Ohr.
»Arschloch!«, schimpfe ich. »Geh aus der Leitung!« Ich drücke ihn weg und wähle mit zitternden Fingern die 112.
»Leitstelle Nord, Edelhoff«, meldet sich eine zackige Stimme.
Denk an die fünf W-Fragen, schießt mir durch den Kopf. Wer ruft an, wie viele Personen, welche Verletzungen, was und wo ist es passiert. Ich hole tief Luft. »Charlotte Louise Friederike Sieveroth am Apparat. Hier ist ein Mann. Keine Ahnung, welcher Art er verletzt ist, doch ich glaube, ich habe ihn überfahren. Er ist umgefallen und liegt jetzt auf dem südlichen Damm der Lindaunisbrücke … «
*
Es kommt mir vor, als seien Stunden vergangen, doch bis zum Eintreffen von Polizei, Rettungswagen, Feuerwehr und Notarzt können nur Minuten verstrichen sein, und die ganze Landstraße ist von zuckenden Blaulichtern erhellt.
Ich habe keine Ahnung, wie ich aus dem Auto herausgekommen bin, aber im Moment knie ich in den Lichtkegeln meiner Scheinwerfer auf der Straße, halte mir mit der Rechten nach wie vor das Handy ans Ohr und presse Zeige- und Mittelfinger der Linken an den Hals des Fremden.
»Laut der Informationen, die ich eben am Computer erhalte«, spricht der Typ von der Notrufzentrale gerade, »müssten die Rettungskräfte inzwischen bei Ihnen eingetroffen sein.«
Ja. Ich nicke, ehe mir einfällt, dass er mich nicht sehen kann. »Ja«, flüstere ich ins Handy und umklammere es noch fester.
»Dann wäre es vielleicht angebracht, dass Sie jetzt auflegen«, schlägt er vor, und ich schüttele den Kopf, denn nur seine beruhigenden Anweisungen können mich davon abhalten, schreiend davonzulaufen.
Obwohl der Herzschlag, den ich spüre, kräftig ist, sich die Brust des Unbekannten in gleichmäßigen Abständen hebt und senkt, und die Haut unter meinen Fingerkuppen Wärme ausstrahlt – irgendetwas stimmt nicht mit diesem Mann.
Gut, ich habe nicht sonderlich viel Erfahrung mit dem lächerlichen Kostüm-Kram von Aleks und seinen Reenactment-Kumpels, aber, was der Kerl hier trägt, ist, um deren Sprache zu zitieren, aber so was von A plus, wie mir noch nie untergekommen ist. Schwert, Dolch, Lederschuhe nach Yorkfund. Und auch die Klamotten: Sowohl Hemd als auch Wams sehen irgendwie zu authentisch nach Wikingerzeit aus, um wirklich echt zu sein. Sie sind geflickt, an den Ärmeln abgestoßen – und blutbespritzt. Über und über mit Blut bespritzt, das den Fremden auch im Gesicht und an den Händen getroffen hat.
»Machen Sie mal Platz!« Ein massiv auftretender Rettungssanitäter zerrt mich hoch und gibt mir einen Schubs zur Seite, während seine Kollegin einen Koffer ablegt und öffnet.
Ich taumele rückwärts und kollidiere mit einem Feuerwehrmann, der gerade einen weiteren Flutlichthalter aufgestellt hat.
»Alles in Ordnung?« Sein Blick streift mich von Kopf bis Fuß und wieder zurück, bleibt auf meinen Händen hängen. »Handy? Hast du etwa noch immer die Leitstelle dran?« Mit entschiedenem Griff nimmt er mir das Telefon ab und fasst mich am Ellenbogen. »Du siehst aus, als ob du einen Schock hättest. He, Moritz!« Er wendet sich an einen zweiten Retter. »Ich kümmer’ mich mal um das Mädchen, die Ärmste musste wohl zusehen, wie dieser Wahnsinnige ihren Freund überfahren hat.«
Obwohl ich mich sträube, schiebt er mich nachdrücklich zu einem der Feuerwehrautos, nötigt mich, auf dem Trittbrett Platz zu nehmen, und legt mir eine Decke um.
Die dampfende Teetasse, die er mir dann in die Hände drückt, bricht meinen Widerstand, denn im Flutlicht, das die Szenerie erhellt, erkenne ich Blutspritzer auf meinen zitternden Fingern. »I-ist er …«, stottere ich und hole Luft, um mich zusammenzureißen. »Ist er schwer verletzt? Können Sie schon was sagen?«
»Warte …« Er lauscht auf das unverständliche Quäken aus dem Funkgerät an seinem Kragen, dann gleitet ein Leuchten über sein Gesicht. »Soweit Dr. Krollmann erkennen kann, sind seine Vitalfunktionen tadellos.« Ein Lächeln auf den Lippen, zwinkert er mir gutmütig zu und zupft an der Decke über meinen Schultern. »Natürlich untersucht sie ihn im RTW erst einmal eingehend auf innere Verletzungen. Aber jetzt mach dir mal keine Sorgen um ihn, er ist bei ihr in den besten Händen.«
»N’Abend.« Ein etwas fülliger Polizist in Uniform schiebt den Feuerwehrmann beiseite und tippt mit dem Zeigefinger an den Schirm seiner Mütze. »Ich weiß, dass Sie wahrscheinlich unter Schock stehen, nach all dem, was Sie ansehen mussten. Aber kann ich Ihnen trotzdem kurz ein paar Fragen stellen?«
Als ich nicke, holt er Kugelschreiber und Notizbuch aus der Jackentasche.
»Die wichtigste Frage ist natürlich die, ob Sie gesehen haben, wohin der Fahrer verschwunden ist«, hebt er an, und ich runzele die Stirn.
Der Fahrer? Von welchem Fahrer spricht er? Ich schaue hilfesuchend zu dem dünnen Polizisten hoch, der neben seinen Kollegen getreten ist.
»… natürlich interessiert es uns auch, wo Sie beide hergekommen sind und wohin Sie mitten in der Nacht wollten«, setzt der Dünne an, und seine Nasenspitze zittert dabei wie die eines Jagdhunds, der Witterung aufnimmt. »Und weshalb Ihr Freund mitten auf der Landstraße gelaufen ist. Hatten Sie eine Panne? Wollten Sie den Fahrer um Hilfe bitten? Wenn ja, wo steht ihr Wagen?«
»Wagen?« Ist er blind, sieht er meinen Mini denn nicht?
»Naja.« Der Dicke lacht und deutet auf mich. »Auch für Freizeit-Wikinger wie Sie ist es zu Fuß schon ein bisschen sehr weit bis zum Museum in Busdorf. Da ist doch dieses Wochenende großes Sonnwend-Fest, oder?« Mit dem Kugelschreiber schiebt er die Mütze ein Stückweit in den Nacken. »Mein Sohn ist auch dort, müssen Sie wissen, schließlich gibt’s nichts Größeres für ihn, als Wickie zu spielen«, setzt er mit einem verschwörerischen Zwinkern hinzu, und ich verstehe gar nichts mehr.
»Paddy? Moritz?« Eine befehlsgewohnte Frauenstimme schallt über die surreale Szenerie. »Kann einer von euch das Mädel herbringen?«
»Na, dann mal los«, sagt der Paddy gerufene Feuerwehrmann. Er packt meinen Arm, zieht mich hoch und bahnt mir einen Weg zwischen den Polizisten hindurch, die uns aufhalten wollen. »Eure Kollegen können die Dame auch später im Krankenhaus befragen. Aber wenn Dr. Krollmann Angehörige dabeihaben will, dann nicht ohne Grund, ja?«
Der Dünne grummelt etwas, tritt zur Seite, und bevor ich richtigstellen kann, dass ich den Fremden nicht kenne, werde ich in den Krankenwagen geschoben.
»Setzen Sie sich dorthin«, weist die schlanke Grauhaarige mich an. Sie deutet auf einen Klappsitz, und gehorsam leiste ich ihren Worten Folge. »Und, los, kommen Sie schon, nehmen Sie seine Hand. Weshalb, glauben Sie, habe ich Sie herrufen lassen?«
Seine Hand? Mühsam kämpfe ich darum, meine Augen von dem durchtrainierten Körper abzuwenden, der splitterfasernackt vor mir liegt. Hand, Lotte, seine Hand! Sie hat von seiner Hand gesprochen und weder von der im genau richtigen Maß muskelbepackten Brust, noch von dem Sixpack, der sich bei jedem Atemzug hebt und senkt – geschweige denn von jenem Körperteil, der scheinbar unschuldig schlafend über die dunkelblonden Locken in seinem Schritt rollt, als der RTW losfährt.
Ein Rascheln lässt mich hochschauen, dann sehe ich nur noch goldene Reflexe und denke für einen Moment, dass ich ohnmächtig werde. Aber es ist nur die Rettungsdecke, die von der Ärztin über den prachtvollen Leib gedeckt wird.
Was sollte ich nochmal? Ach ja, seine Hand! Mutig hebe ich die Meine um zuzufassen, doch dann schrecke ich zurück. Was hat er da? Seltsame, bläulich schimmernde Zeichen auf seinen Fingerrücken. Wenn es Buchstaben wären – was sie eindeutig nicht sind – würde man sie wohl ›Knockles‹ nennen. So viel habe ich bei dem ganzen Reenactment-Gedöns immerhin schon mitgekriegt.
Die Kerls – natürlich abgesehen von Aleks, denn was würde sein Vater sagen? – sind meistens mehr oder weniger ganzkörpertätowiert.
Auch der Kerl vor mir. Soweit ich einen Blick auf den Unterarm erhaschen kann, ziehen sich, beginnend mit den Handgelenken, blauschwarze Schnörkel hinauf.
Ein Hüsteln schreckt mich aus meiner Erstarrung hoch, ich schnaufe, greife nach seinen Fingern und presse sie vorsichtig.
»Na also, geht doch«, bemerkt die Ärztin mit sarkastischem Unterton. »Lass mich raten, ihr beiden seid noch nicht besonders lange zusammen?« Ohne meine Antwort abzuwarten, zwinkert sie mir zu, nachdem sie irgendeine Anzeige gecheckt hat. »Aber ganz im Vertrauen: Du scheinst nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterlassen zu haben. Hast du gehört, wie sein Herzschlag sich beruhigt hat, als du ihn angefasst hast?«
Gehört? Meint sie das Piepen des Monitors? Ich schaue von dem blinkenden Gerät zu ihr, und sie nickt. »W-was«, bringe ich stotternd heraus und räuspere mich, um erneut anzusetzen. »Wissen Sie schon, was mit ihm ist?«
»Nun ja, ich habe hier ja nur meine Bordmittel und gehe nach dem Ausschlussprinzip vor«, sagt sie und verstellt etwas am Infusionsschlauch, der in die rechte Armbeuge des Prachtkerls vor mir führt. »Das heißt, ich weiß, was er nicht hat: keine offenen Verletzungen, keine sichtbaren Prellungen und, soweit ich unter Einsatz meines berüchtigten Röntgenblicks feststellen kann, auch keine gebrochenen Gliedmaßen.«
Der letzte Punkt ihrer Aufzählung soll wohl als Eisbrecher wirken, was er nicht wirklich tut.
Dennoch zeige ich meinen guten Willen und versuche mich an einem hochgezogenen Mundwinkel. 
»Nun ja.« Sie scheint zu merken, dass ihre Art von Humor bei mir nicht gut ankommt, und nimmt Klemmbrett und Kuli zur Hand. »Dann wollen wir uns mal dem bürokratischen Kram zuwenden. Ich fange oben an: Name, Vorname, Geburtsdatum?«
»Sieveroth«, sage ich, und ihr Stift flitzt übers Papier. »Charlotte Louise Friederike. Geboren a…«
»Nee!« Sie lacht, reißt das Papier runter und zerknüllt es. »Nicht von dir – von ihm!«
»Von ihm?« In dem Moment, da ich ihre Worte nachäffe, wird mir bewusst, dass ich ein ziemlich bescheuertes Bild abgeben muss. Wie eine von diesen Tussis, die ich auf den Tod nicht ausstehen kann, weil sie ohne zu zögern mit einem Typen ins Bett hüpfen – und keine Millisekunde darauf verschwenden würden, herauszubekommen, wie er heißt.
»Sonst ist keiner da«, ruft Dr. Krollmann sich in mein Gedächtnis zurück. »Oder heißt das etwa … Du weißt das gar nicht?«
Ich schüttele den Kopf. Endlich jemand, der mich versteht!
»O-oh«, macht sie und rollt die Augen. »Du weißt schon, was ich jetzt sagen muss?«
Nein. Was? Ich runzele die Stirn.
»Nun ja, ich bin zwar nicht deine Mutter«, fängt sie an. »Aber vom Alter her könnte es hinkommen. Deshalb fühle ich mich verpflichtet, dich darauf hinzuweisen, dass es keine gute Idee ist, mit einem Typen in die Kiste zu springen, dessen Namen man nicht kennt.«
Fein, denke ich und ziehe eine Grimasse. Wieso konnte Frau Dr. Krollmann vor 23 Jahren nicht zur Stelle sein, als Mum genau das gemacht hat?
»Ich meine …« Sie wirft einen Blick aus dem Augenwinkel auf den Bewusstlosen. »Nicht, dass ich dir das nicht nachfühlen könnte. Auch mein angejahrtes Herz ist nicht aus Stein, und ich muss zugeben, er sieht schon verdammt lecker aus.«
Lecker? Jetzt, da der Körper des Fremden abgedeckt ist, komme ich endlich dazu, mir sein Gesicht anzusehen. Auf der Straße war mir nur die so verblüffend echt aussehende Ausstattung aufgefallen, vorhin, als wir losfuhren, dagegen …
»… eigentlich üblich?«, platzt Dr. Krollmanns Frage in meine Grübelei. »Hatte noch nicht allzu oft das Vergnügen, einen Möchtegern-Wikinger auszupacken, aber die anderen hatten alle eine Unterhose an. Ist das dann Triple-A-plus, darauf zu verzichten?« Sie grinst wissend. Anscheinend sind alle um mich herum Experten, was Reenactment angeht.
Ich schlucke, als ich an den Anblick seiner Nacktheit denke. Reden wir nicht darüber! Mit größter Konzentration studiere ich stattdessen seine Züge.
Das schulterlange Haar ist zu blonden Strähnen getrocknet. Sie ringeln sich bis auf breite Schultern herab, die unter der Goldfolie herausschauen. Spärliche, ebenso blonde Bartstoppeln überziehen einen kantigen Kiefer, der im Widerspruch zu ausdrucksstarken Lippen zu stehen scheint.
Ich reiße meinen Blick von der Fülle der Unterlippe los, verdränge den absurden Wunsch zu erforschen, wie sie sich bei einem Kuss anfühlen könnte, und betrachte stattdessen die Nase des Ohnmächtigen.
Abgesehen davon, dass Blutkrusten rund um die Nasenlöcher kleben und herabgetropfte Rinnsale sich über den Mund bis zu seinem Siegertypen-Kinn ziehen, ist sein Riechorgan absolut perfekt geraten – gerade weil es keine Makellosigkeit besitzt. Ein winziger Höcker stört die gerade Linie des Nasenrückens, der ebenso ein wenig zu breit geraten ist, um perfekt zu sein, wie die ein bisschen zu fleischigen Nasenflügel.
Ja, die Ärztin hat recht, er sieht verdammt lecker aus.
Ich gehe jede Wette ein, dass, um seiner Vollkommenheit ein i-Tüpfelchen aufzusetzen, die Farbe seiner Augen von einem tiefen Blau sein muss. Kotz. Würg. Voller Inbrunst seufze ich, denn wie kommt eine derart patent auftretende Frau wie Dr. Krollmann auf die Schnapsidee, ein solcher Halbgott könnte etwas mit mir am Laufen haben?
»… sind wir schon«, reißt mich ihre Stimme aus meiner Tiefsinnigkeit, und im gleichen Moment werden die hinteren Türen des Rettungswagens aufgerissen.    
»Sind … wo?«, stammele ich und gehe in Deckung, weil die Trage aus dem Auto gewuchtet wird.
»Schlei-Klinikum, Schleswig«, erklärt die Ärztin im Weglaufen. »Er kommt in den Schockraum. Ich übergebe ihn jetzt an die Kollegen, aber es wäre hilfreich, wenn du dich bereithalten könntest, um noch einmal Händchen zu halten.« Sie grinst. »Zu rein therapeutischen Zwecken natürlich.«
»Alles klar.« Ich nicke und will mich gerade auf eine Bank im kahlen, von fahl leuchtenden Neonröhren erhellten Flur setzen, als sie innehält.
»Nur nebenbei gesagt«, setzt sie an. »Das wäre jetzt die passende Gelegenheit, um draußen ein paar Telefonate zu führen. Du weißt ja, Handys sind hier drinnen nicht erlaubt.«
»Ja, klar, danke!« Ich stehe auf, gehe ein paar Schritte und will mir gerade in die Jackentasche fassen, wo ich mein Handy immer aufbewahre, als ich feststelle, dass ich die ja gar nicht trage, sondern immer noch in der bekloppten Wikinger-Kriegerinnen-Ausrüstung stecke, die Aleks mir aufgenötigt hat. Scheiße! Wo ist mein Telefon? Ich schließe die Augen und rekapituliere: Beim Bremsen war es in den Fußraum gerutscht, ich tauchte danach, holte es hoch und drückte Aleks weg. Dann rief ich die Rettung an und stieg aus, um dem Verletzten zu helfen. Währenddessen hielt ich es mir ans Ohr bis …
… der Feuerwehrmann es mir aus den Händen nahm. Ob der es noch hat? Oh verdammt, was wird Maike jetzt denken? Sie hat die Nachricht auf ihrer Mailbox bestimmt längst abgehört und jetzt kann sie mich nicht erreichen! Oder – noch schlimmer – was, wenn sie mich angerufen hat und da ein Feuerwehrmann oder gar die Polizei ranging?
In mir drinnen schaltet es auf Panikmodus um. Anrufen. Maike Bescheid sagen. Verdammt, wo krieg ich jetzt ein Telefon her? Ich irre durch die Flure, will gerade die griesgrämig dreinschauende Nachtwache am Empfang um Rat fragen, als mir eine heftig winkende Person entgegenkommt.
»Hej! Charlie! Da bist du!«
Pappa? Was macht der selbsternannte Ausstattungs-Papst von Aleks’ Reenactment-Freunden hier? Gleichzeitig sträubt sich mein nicht vorhandenes Nackenfell wegen des verhassten Spitznamens, und ich überlege für einen Moment, ob ich vor dem Typen davonlaufen soll. Allerdings trägt der Fakt, dass er ein Handy in der Linken schwenkt, das dem Meinen verflixt ähnelt, schlagartig zu meinem Umdenken bei. »Charlotte«, korrigiere ich ihn, lächele und denke krampfhaft darüber nach, wie sein richtiger Name lautet. »Bitte, nenn mich Charlotte. Danke für das Telefon, aber … woher hast du es und wie kommst du überhaupt hierher?«
»Oh, das ist eine längere Geschichte, Charlotte.« Pappa betont meinen Namen ein bisschen zu sehr. »Wenn ich Aleks’ Stammeln richtig verstanden habe, bekam er bei seinem Versuch, dich zu erreichen, nachdem du ihn aus der Leitung geworfen hattest, irgendwann die Polizei an den Apparat. Die wollten, dass er dein Auto irgendwo in der Pampa abholt. Und, nun ja, er kann ja keine zwei Wagen gleichzeitig fahren, und da es gerade keine so gute Idee zu sein scheint, dass er, geschweige denn deine … äh, seine …« Er gerät selbst ins Stammeln. »… diese Dings dir über den Weg läuft, habe ich mich angeboten, es herzufahren. Schließlich wohne ich nicht weit von hier.«
»Oh.« Ich nehme auch den dargereichten Autoschlüssel aus seiner Hand. Wieso fällt mir nichts ein, was ich sagen könnte? »Das ist … nett.« Und gleichzeitig der Super-GAU schlechthin, denn wenn selbst dieser Reenactment-Nerd Pappa das von mir, Aleks und Konstanze mitbekommen hat, dann macht die Story gerade die Runde unter allen Schleswigern zwischen 15 und 95 Jahren.
»… eine wilde Geschichte«, tropfen Pappas Worte in bester Plauderlaune an mein Ohr. »Stimmt es wirklich, dass du dich gleich mit einem der osteuropäischen Profi-Kämpfer trösten wolltest?«
»Mit wem?« Ich bleibe stehen und lehne mich an die Wand, denn diese Information schlägt gerade dem Fass den Boden aus.
»Nun ja, zumindest hat das der alte Petersen gemeint.« Mit dem Versuch, sich zu erklären, stiftet Pappa nur noch mehr Verwirrung. »Du weißt schon. Polizeiobermeister Petersen? Der Vater von Pete?«
Ich nicke, damit Pappa aufhört, mich noch mehr durcheinanderzubringen. »Was hat er gemeint?«
»Dass du wahrscheinlich zusammen mit dem Kerl in Busdorf losgefahren bist«, sagt Pappa. »Denn deine etwas wirre Behauptung, du hättest ihn angefahren, konnten sie wohl anhand der nichtvorhandenen Spuren an deinem Auto eindeutig als Übertreibung einstufen.«
»Das stimmt«, bestätige ich voller Erleichterung. »Ich hab’ doch gewusst, dass ich ihn nicht touchiert habe. Aber mitgenommen?« Entschieden schüttele ich den Kopf. »Nein! Ich wollte zu Maike, mich ausheulen. Von euch Kerls hab’ ich aber so was von die Nase voll!«
Pappa nickt Zustimmung heuchelnd, und ich habe das Gefühl, dieser Nerd wächst wahrhaftig ein bisschen, weil ich ihn in einem Atemzug mit Typen vom Kaliber eines Aleks’ verglichen habe.
»Apropos Maike …« Ich zeige auf das Handy. »Wenn du mich entschuldigst, ich sollte sie endlich anru…«
»Charlotte Louise Friederike?«, schallt in diesem Moment eine Lautsprecherstimme über den Flur. »Ist hier jemand namens Charlotte Louise Friederike? Sie sollen dringend in den Schockraum kommen. Ich wiederhole: dringend! Charlotte Louise …«
»Ach du grüne Scheiße«, rutscht mir heraus, und ich schlucke. »Es wird ihm doch nicht schlechter gehen?«
»Soll ich mitkommen?«, fragt Pappa, und dankbar nicke ich. Auch wenn er ein schmalbrüstiger Nerd ist, der garantiert umfällt, wenn er einen Moppel wie mich auffangen will – die Aussicht, jemanden an der Seite zu haben, erfüllt mich mit Zuversicht.
»Charlotte Louise Friederike Sieveroth?« Ein ernst dreinblickender Arzt empfängt mich unter der Tür, auf der in grellroten Lettern ›Schockraum‹ steht. »Sind Sie das? Wir würden ihren Freund jetzt in ein Krankenzimmer bringen. Sie können ihn gleich begleiten, aber zunächst hat Frau Ibbeken von der Verwaltung ein paar Fragen wegen seiner Versicherung.«
»Er ist nicht mei…«
»Ist er schwer verle…?«, plappert Pappa dazwischen, und ich ächze unterdrückt.
Der Arzt streicht sich eine graumelierte Strähne aus der Stirn, während er seinen Blick von mir zu Pappa und zurück gleiten lässt. »Kein spezieller Freund also, sondern ein eher allgemeiner Freund?«, schlussfolgert er und runzelt die Stirn. »Da muss ich Dr. Krollmann missverstanden haben.« 
»Nicht Sie, sondern Dr. Krollmann«, sage ich mit so viel Würde wie möglich. »Sie hat einiges missverstanden.«
»Nun gut, aber wenn Sie nicht die Lebensgefährtin meines Patien…«
»Dr. Riefflin!« Eine Stimme aus den Tiefen des Schockraums übertönt das hektische Piepsen der Überwachungsgeräte und unterbricht den geschmeidigen Vortrag. »Schnell! Wir haben hier einen akuten Blutdruckabfall, kombiniert mit Herzkammerflimmern und schwergängiger Atmung!«
»Wieso zum Teufel …?« Der Arzt glättet mit dem Finger vergebens die steile Falte zwischen seinen Augenbrauen. »Sie …« Er deutet auf mich. »… kommen mit, und Sie«, fügt er mit einem Fingerzeig auf Pappa an. »Sie warten hier. Wenn stimmt, was Dr. Krollmann sagte …«
*
Einige Minuten später finde ich mich in einem Krankenzimmer wieder.
Dr. Riefflin selbst hat mir einen Stuhl neben das Bett von ›Max Mustermann‹ gestellt, wie Ärzte und Pfleger den Unbekannten jetzt nennen, damit ich ihm die Hand halten kann.
Denn sobald ich sie loslasse, steigern sich die Monitore in ein infernalisches Kreischen, die Sauerstoffsättigung in seinem Blut – kaum zu fassen, was für Begriffe ich bereits aufgeschnappt habe – sinkt ins Bodenlose, und ich schiebe heftigste Panik, dass ich ihn doch noch umbringe. Wenn nicht mit dem Auto, dann jetzt durch unterlassene Hilfeleistung.
Das zumindest hat Dr. Riefflin höchstpersönlich behauptet, assistiert vom eifrigen Nicken Pappas, nachdem er dem in Aussicht gestellt hatte, eine Expertise über die Kleider zu benötigen. Als ob er das bräuchte, um die Identität festzustellen …
»… auch nicht, was mit ihm ist«, sagt der Arzt gerade zu einer der Schwestern, die sich die Türklinke in die Hand drücken.
Meine Güte, hier geht es ja zu wie im Taubenschlag! Ich meine, gut, dass der Kerl, dem ich Händchen halte, selbst im albernen blassblau geblümten OP-Hemdchen zum Anbeißen aussieht, hatte ich schon festgestellt. Aber muss man deshalb gleich Sightseeing veranstalten?
»Wir haben ihn komplett gecheckt«, spricht Dr. Riefflin weiter. »Er ist einfach nur ohnmächtig. Aber natürlich bleibt die Frage, wieso er nicht zu sich kommt.«
»Und woher das ganze Blut stammt … «
Huch, wer ist das jetzt? Der Stimme nach eindeutig ein Mann. Ich tippe im Geiste schon auf einen schwulen Pfleger, der sich in den Reigen der Spannerinnen einreiht, als ich aus dem Augenwinkel den navyblauen Stoff einer Polizeiuniform erspähe.
»… selbst seine Bekleidung ist über und über bespritzt«, sagt der dünne Polizist, der mich vorhin auf der Landstraße schon so nachdrücklich befragen wollte.
»Wenn ich mal kurz was dazu sagen dürfte?« Pappa fackelt nicht lange, und nimmt dem Wachtmeister den Schuh aus der Hand. »Ich bin nämlich Experte, müssen Sie wissen.«