Ihr Lieben, hier wird bald dicht gemaccht. Danke für eure Treue und vielleicht liest man sich ja bald irgendwo wieder. Grüßle euer Blümchen Ela

Samstag, 7. Oktober 2017

Leseproben-Zeit beim Sonnenblümchen mit Ardy K. Myrne








Damit starten wir doch einfach mal mit meiner neuen Rubrik. Ich wünsche euch und uns allen dabei viel Spaß.



Der dunkle Feind“ von Ardy K. Myrne


Genre: Vampirroman, Romantasy
Kurzinhalt:

„Wie lange ein Traum verweilt, hängt immer davon ab, wie sehr man hoffen, lieben und hassen kann.“


Das Leben der siebzehnjährigen Sarah nimmt eines Tages eine plötzliche Wendung: Nicht nur ihre älteste Freundin Hettie offenbart ihr eine unglaubliche Gabe, auf einer Party fällt Sarah auch noch einem ungeladenen Gast in die Arme. Wer ist der mysteriöse junge Mann, der für so viel Ärger sorgt und ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen will? Als sie von ihrem Gastgeber erfährt, dass ihre Zufallsbekanntschaft ein Vampir sein soll, glaubt sie ihm nicht und beschließt, dem Ganzen selbst auf den Grund zu gehen. Dabei betritt sie eine Welt, die ihre eigene für immer verändert.



LESEPROBE

Noch vor dem Zwielicht war ich aufgebrochen und saß nun schon fast eine Stunde auf den Stufen vor der Eingangstür. Drinnen regte sich kein Luftzug, und die Sorge zerfraß mein Herz.


Kurz nach der Dämmerung – ich hatte die Stirn auf meinen Armen platziert, die auf angezogenen Knien lagen, und starrte trübsinnig die Stufen unter mir an – stand der Mentor in der Auffahrt.


Es war, als sei er geradewegs aus dem Boden empor geschossen, ich hatte keine Schritte gehört und keinen Schatten gesehen. Erschrocken fuhr ich auf und starrte ihn an – und er starrte zurück.

„Guten Abend, junge Dame.“

Sein kalt höflicher Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass ich hier nicht willkommen war. Es schien mir, als habe er mit meinem Auftauchen überhaupt nicht gerechnet, und das verwirrte mich. Der ganze Mann verwirrte mich. Er stand nur da, die Hände in den Manteltaschen und sah auf mich herab. Ich erinnerte mich fröstelnd an unsere erste Begegnung und wünschte, Corbian wäre hier.


Ich stand auf, strich meine Kleider glatt und erwiderte seine Begrüßung, aber mehr bekam ich nicht heraus.

Ein paar Augenblicke später fragte er endlich: „Warum bist du hier?“

„Wegen Corbian“, antwortete ich. Wieso musste er das noch fragen?
Und dann sah ich einen Schatten über sein Gesicht huschen. „Willst du herein kommen?“

Ich weiß nicht, was mir mehr Gänsehaut bereitete: der Schatten oder seine nun süßliche Stimme. Ich folgte ihm trotzdem ins Haus.

Er öffnete eines der Zimmer im unteren Flur, wies mir einen Platz auf einem alten Ledersofa zu und ging, um mir ein Glas Wasser zu holen. Der Raum diente als Wohnzimmer, machte aber nicht den Eindruck, als würde er regelmäßig benutzt. Es sah eher aus wie eines dieser altmodischen Katalog-Arrangements, mit einer leichten Staubschicht auf dem Tisch und in den Regalen der Schrankwand. Als einziger Wandschmuck diente eine große Pendeluhr. Außer dem schwingenden Perpendikel war nichts zu hören, und mir war, als hätte ich den Atem angehalten, seit dem ich über die Türschwelle getreten war. Die Atmosphäre schnürte mir den Brustkorb zu, und es wurde kaum besser, als er mit dem Wasserglas zurückkam und ich einen Schluck davon trank.

„Corbian ist nicht hier“, konstatierte der Lehrer und setzte sich in einen Sessel mir gegenüber.

„Haben Sie ihn gesehen? Geht es ihm gut? Ich wusste nicht, was ich tun sollte!“
Als er sah, dass meine Augen die ersten Tränen nicht mehr verbergen konnten, brach sein Eispanzer etwas auf.

„Was ist passiert?“

Natürlich musste er davon wissen, denn er fragte mich nicht mit der besorgten Art, wie es ahnungslose Angehörige tun, eher wie ein Polizist einen Zeugen vernehmen würde. Und so reglos nahm er meinen Bericht auch auf.

Ich erzählte ihm nicht alles. Den Wortwechsel zwischen Corbian und den Schlägern ließ ich aus. Es schien mir nicht angemessen, derart ins Detail zu gehen, zumal er mir gegenüber auch nicht gerade der Herzlichste war.
„Haben Sie ihn gesehen?“, wiederholte ich meine Frage noch einmal.

Doch statt mir zu antworten, fragte er seinerseits: „Wieso bist du nicht gleich weggelaufen?“

Habe ich schon gesagt, dass dieser Mann mich verwirrte? Seine ganze Art brachte mich aus der Fassung!

„Weil ich ihn liebe!“, antwortete ich spontan und verbarg meine Empörung nicht.
Und dann wurde mir klar, was ich gesagt hatte. Dass ich es noch nie so gesagt hatte!
Der Lehrer höhnte: „Wäre es dann nicht besser gewesen, du hättest getan, was er von dir verlangt hat?“ Er lachte kurz auf und fuhr fort: „Du scheinst ein nettes Ding zu sein. Du sorgst dich, und du bist mutig. Aber hast du einmal daran gedacht, dass du dir vielleicht den Falschen ausgesucht hast? Was sehen deine Augen, wenn du in die Welt hinein schaust? Was sieht dein liebesblinder Blick?“

Etwas brannte in meiner Kehle. Eine verzweifelte Wut keimte auf, die nur von meiner nervösen Angst in Schach gehalten wurde. Es war ein Fehler, dass ich hergekommen war.
„Mir zuzuhören ist kein Fehler, junge Dame. Deine Augen zu verschließen, wäre ein Fehler.“

„Was?“, erschrocken fuhr ich auf. Hatte er etwa –?

„Was du denkst, kann ein Blinder von deinem Gesicht ablesen. Du solltest dich beruhigen. Du solltest mir zuhören.“

Ich stolperte über die Couchlehne und blieb dahinter stehen. Was für ein Schild!
„Ich wünschte, du wärest immer so achtsam wie jetzt. Deine Naivität wird dich nämlich nicht beschützen. Lass deine Augen offen, junge Dame, bevor du in dein Unglück rennst.“

„Was ist mit Corbian?“

Sein Lachen klang bitter und amüsiert zugleich. „Du wirst mir nicht zuhören, nicht wahr?“ Er musterte mich durchdringend, bis ich das Gefühl hatte, dass sein Röntgenblick meine Knochen schmelze.

„Also gut, junge Dame, dann such ihn im Südviertel.“

War das ein Scherz? Ich fragte ihn das nicht. Ich nickte nur und lief aus dem Haus.
Das Südviertel war so etwas wie der Abtritt unserer Stadt. Da ging keiner freiwillig hin, der keine üblen Geschäfte plante oder zu arm war, um von dort wegzuziehen. Es musste eine Art böser Scherz sein. Ich würde niemals freiwillig dorthin gehen!

Kurz war ich versucht, Benny doch in diese Angelegenheit einzubeziehen. Es hätte mich mutiger gemacht, aber ich fand es dann doch falsch. Wie hätte ich ihn in Gefahr bringen können, nur um mich besser zu fühlen? Corbian war meine Sache.

Trotzig beschleunigten sich meine Schritte.

Was für ein Mensch war dieser Mentor? Erst diese mysteriöse Warnung und dann eine unverhohlene Aufforderung, mein Glück geradezu herauszufordern! Und was machte ich? Ich ging auch noch schnurstracks in die Höhle des Löwen!

Aber ganz selbstmörderisch war ich nicht veranlagt. Es war noch nicht lange dunkel, und ich hatte nicht vor, mir dort die ganze Nacht um die Ohren zu schlagen. Ich wollte es langsam angehen, wenn man in dieser Situation überhaupt so etwas sagen konnte.

Mein erstes Ziel war die Suppenküche. Wenn ich ehrlich bin, war es auch mein einziges. Im Asyl wollte ich nicht suchen, Corbian hatte ein Zuhause. Allerdings war mir nach wie vor nicht klar, was er überhaupt im Südviertel zu suchen hatte.

Ich war einer Flut von Zweifeln und Ängsten ausgeliefert, und sie brach ungehemmt über mich herein. Am hartnäckigsten war die Frage: Ob ich mir den Falschen ausgesucht hatte? Was, zum Teufel, hatte der Lehrer gemeint? Etwa Drogengeschäfte? Das würde zu den Schlägern passen, aber alles andere passte eben nicht. Ganz davon abgesehen, würde ich auf keinen Fall einen Fuß in irgendeine Spelunke setzen, um subversive Elemente abzuchecken!

Die Straßen wurden düsterer, schmuddeliger. Ganze Häuserzeilen waren verlassen, die eigeschlagenen Fensterscheiben mit Pappe und Spanplatten verrammelt.

Zentimeterdicke Plakatreste wellten sich von der durchfeuchteten Oberfläche und rannen wie erstarrtes Kerzenwachs von den Wänden. Seit Monaten hatte hier keiner mehr etwas angeklebt, nicht einmal die sonst obligatorischen Antifa-Aufkleber.

Ich wollte gar nicht wissen, was sich alles hinter den alten Mauern versteckte. Fröstelnd setzte ich meinen Weg fort. Die Suppenküche war in einer ehemaligen Grundschule eingerichtet worden, mitten in einem Wohngebiet, so dass sie von Bedürftigen schnell zu erreichen war. Vor der Eingangstür brannte eine schwache Glühbirne wie das Nachtlicht in einem Kinderzimmer. Es machte den Ort und die Gegend noch etwas trauriger. Es war elf Uhr und es gab noch immer zu tun. Einige waren mit Essgeschirr und Töpfen gekommen, um sich eine Mahlzeit abzuholen. Ich schlang die Arme um meinen Oberkörper und schlüpfte mit eingezogenem Kopf durch das offen stehende Eingangstor.

Drinnen saßen nur wenige an den Tischreihen unter der Neonbeleuchtung, die von den Tagen als Klassenzimmer noch übrig geblieben waren. Aber unter den Essenden konnte ich Corbian nirgends entdecken. Half er hinter den Kulissen aus? Aber weder das eine noch das andere ergab einen Sinn. Ich blieb noch eine Weile grübelnd neben der Tür stehen und beobachtete die ein- und ausgehenden Menschen, bis ich schließlich unerwünschte Aufmerksamkeit auf mich zog und wieder nach draußen verschwand.

Was tat ich hier eigentlich?

Auf dem Vorplatz der Suppenküche fanden sich die Leute zu kleinen Gruppen zusammen, und ich entschied, dass es langsam zu gefährlich wurde. Schnell, aber nicht zu schnell, machte ich mich auf den Heimweg.

Mein Magen schmerzte vor Ungewissheit. Ich gab mich wieder ganz den schwappenden Wellen aus Kummer und Angst hin, und dann riss mich ein Scheppern aus meinen Gedanken, das mich so erschreckte, dass ich stehen blieb und mir ans Herz fasste. Außer mir schien es niemand gehört zu haben. Der Lärm war aus einer Nebengasse gekommen, vor deren Einmündung ich nun stand und mit hämmerndem Herzen in das Halbdunkel starrte. Ich sah den noch kreiselnden Topfdeckel etwa zehn Meter entfernt zur Ruhe kommen und dahinter ein paar Beine in den Weg ragen.

War einer der Hungrigen aus der Suppenküche gestürzt?

Ich setzte zwei zaghafte Schritte in die Gasse, und noch bevor meine Augen registrierten, was sie da sahen, sträubten sich mir alle Nackenhaare.